Kreisfeuerwehrverband Nürnberger Land
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Gefahrgutunfall auf der A9 fordert zwei Todesopfer 05.08.2000

FEUCHT (DB3) - Am 01.08.2000 kam es auf der A9 unmittelbar am Autobahnkreuz Nürnberg-Ost zu einem folgenschweren Auffahrunfall. Ein LKW-Fahrer übersah das Stauende und fuhr ungebremst auf den vor ihm stehenden LKW. Der Aufprall war so stark, dass dieser zweite LKW auf einen weiteren LKW geschoben wurde, der dadurch wiederum einen vor ihm stehenden Kleintransporter auffuhr. Der Fahrer des auffahrenden LKWs wurde bei dem Unfall eingeklemmt.



Aufgrund des Notrufes wurde für die Feuerwehr Feucht Alarmstufe 5 ausgelöst, die Alarmmeldung lautete "Unfall mit LKW, Fahrer eingeklemmt". Noch bevor das erste Fahrzeug an der Einsatzstelle war, wurde die Lagemeldung ergänzt: Bei dem verunfallten LKW handle es sich um einen Gefahrgut-Transporter. Den ersten eintreffenden Hilfskräften zeigte sich folgendes Bild:


Ein LKW mit Anhänger, durch orange Tafeln als Gefahrgutfahrzeug gekennzeichnet, ist auf einen Sattelschlepper aufgefahren, die Fahrerkabine ist bis auf weniger als 1m zusammengedrückt. Vor dem Sattelschlepper steht ein weiterer, ebenfalls beschädigter LKW. Die Aufbauten des Gefahrgut-Transporters sind durch den Aufprall total zerstört und sehen aus wie ein zusammengefallenes Kartenhaus, einzelne Teile der Ladung sind auf die Straße gefallen, eine noch unbekannte klare, zähflüssige Flüssigkeit läuft aus. Im Führerhaus ist der Fahrer noch eingeklemmt.

Eine starke Rauchentwicklung deutete auf einen Entstehungsbrand hin, der allerdings schnell gelöscht werden konnte. Aufgrund der Ersterkundung werden ein Kranwagen der BF Nürnberg, das LF 16-TS des FF-Löschzuges Laufamholz sowie die Feuerwehren Moosbach, Schwarzenbruck und Altdorf nachalarmiert. Darüberhinaus waren sicherheitshalber weitere Einheiten der FF Nürnberg in ihren Gerätehäusern in Bereitstellung.

Der Fahrer konnte nur noch tot geborgen werden. Eine weitere Person, die vermutlich in der Schlafkabine war, konnte schwerstverletzt aus dem Wrack gerettet werden. Sie verstarb jedoch später im Krankenhaus. Wegen austretenden Gefahrguts erfolgte die Rettung teilweise mit schwerem Atemschutz. Die Insassen der anderen beteiligten Fahrzeuge mussten nicht aus ihrem Fahrzeug befreit werden. Zwei wurden vom Rettungsdienst sicherheitshalber ins Krankenhaus verbracht, von wo sie einige Stunden später bereits wieder entlassen werden konnten.


Eine nicht ganz alltägliche Aufgabe wurde dem anwesenden Schwarzenbrucker Notfall-Seelsorger zuteil: Er kümmerte sich, bis zum Eintreffen einer Dolmetscherin, die von der Polizei an die Einsatzstelle gebracht wurde, um einen unverletzt gebliebenen Fahrer eines betroffenen LKWs, der verständlicherweise sehr aufgeregt war und nur italienisch sprach.

Die Bestimmung des auslaufenden Gefahrguts erwies sich als schwierig, die Suche nach den Fahrzeugpapieren dauerte aufgrund des Zustands der Fahrerkabine etwas länger. Die Stoffe wurde als Silikonöl sowie ein Stoff mit dem Handelsnamen "Silres" identifiziert.

Das Silikonöl war relativ harmlos, das von der Ladefläche gelaufene Öl wurde in Fässern aufgefangen und das aus leckgeschlagenen Behältern auf die Fahrbahn gelaufene mit Ölbinder eingedämmt. Problematischer war der andere Stoff: Er bestand aus einer Mischung von alpha-1-Tridecyl-omega-hydroxypolyglykolether. Der erste Bestandteil gilt als krebserregend, der zweite Bestandteil hat einen Flammpunkt von 40°C. Wegen der davon ausgehenden Gefahr - es war an diesem Tag über 28°C warm - wurde die Autobahn komplett in beiden Richtungen gesperrt, Zugang zu Einsatzstelle erfolgte nur noch mit Atemschutz und Schutzkleidung.

Nachdem von der Autobahnmeisterei ein Hinweis eingegangen war, dass in unmittelbarer Nähe zum havarierten Fahrzeug mehrere Gullies waren und das Kanalsystem in nordwestlicher Richtung in den Wald führt, wurden die Gullies mit Gully-Eiern der FF Altdorf verschlossen. Sicherheitshalber wurde die Flüssigkeit am Gully verdünnt.

Zur Absicherung wurden der P250 und ein P210 der BF Nürnberg in Stellung gebracht. Ein Trupp der BF Nürnberg war ständig mit Hitzeschutzausrüstung in Bereitstellung. Bedingt durch das "gute" Wetter mit seinen hohen Temperaturen, musste dieser alle 20 Minuten abgelöst werden.

Wegen des enormen Bedarfs an Ölbinder wurden alle Bestände aus Feucht und Schwarzenbruck zur Einsatzstelle gebracht.

Ex-Messungen der BF Nürnberg im Fahrzeug und auf der Ladefläche sowie Messungen durch die FF Schwarzenbruck ergaben keine Anzeige. Somit konnte mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass Behälter des explosiven giftigen Ladeguts beschädigt wurden. Trotzdem wurde weiterhin am Fahrzeug mit Filtergeräten und Preßluftatmern gearbeitet.

Die BF Nürnberg untersuchte auch erstmals die Lage der Ladung auf dem zusammengebrochenen Auflieger. Dabei zeigte sich, dass das Ladegut sehr instabil war und ständig Teile - unter anderem das gefährliche Silres - auf die Straße fallen zu drohen. Um weiteres Abstürzen zu verhindern, wurden mit einem Kranwagen der BF Nürnberg die Reste der Aufbauten gesichert. Damit konnte die Berufsfeuerwehr - unterstützt von 5 Mann der FF Altdorf - mit dem Abladen und Sichern der Ladung beginnen. Mehrere Trupps von Feucht und Schwarzenbruck übernahmen, geschützt mit Filtergerät, das Abbinden des ausgelaufenen Öls. Parallel zu diesen Arbeiten wurde hinter der Unfallstelle in sicherer Entfernung die Dekontaminations-Anlage aufgebaut. Gegen 17:30 Uhr konnte die FF Moosbach die Einsatzstelle verlassen.

Um 18.15 Uhr kam plötzlich eine neue Gefahr auf die Einsatzstelle zu: Auf der A6 - sie kreuzt genau an der Einsatzstelle die A9 - fuhr ein Sattelschlepper mit einem 30000l fassenden Kerosintank. Die Ladung war zwar bereits entleert worden, der Tank galt als gereinigt, doch die Dämpfe hatten den erlaubten Höchstdruck weit überschritten. Es bestand akute Explosionsgefahr, zudem steckte dieses Fahrzeug im Stau fest. Daraufhin wurde ein TLF 16/25 vom Gerätehaus Altdorf, ein TLF 16/25 von Feucht von der Einsatzstelle sowie das TLF 24/50 aus dem Feuchter Gerätehaus auf die A6 beordert. Das Fahrzeug wurde auf der Autobahn gestoppt und von den Fahrzeugen mit Wasser solange gekühlt, bis der Druck im Tank wieder auf ein sicheres Maß gefallen war. Die Feuerwehr Schwarzenbruck verließ die Einsatzstelle gegen 18.30 Uhr.

Das mittlerweile eingetroffene Bergungsunternehmen Joachim aus Roth sowie ein Entsorgungsunternehmen begannen mit dem Aufladen der Fahrzeuge bzw. der Ladung. Die unversehrt gebliebene Ladung wurde mit Unterstützung der BF Nürnberg und einem Kranwagen verladen. Der kontaminierte Ölbinder sowie die geplatzten Fässer wurden mit einem kleinen Radlader auf LKWs und Absetzbehälter verladen.

 
Als schwierig erwies sich die Reinigung der eingesetzten Geräte: Das Silikonöl wird normalerweise als Schmiermittel benutzt und genau diese Wirkung bereitete jetzt große Probleme. Es konnte mit keinen verfügbaren Mitteln von der Ausrüstung entfernt werden. Etliche Schutzanzüge mussten daraufhin als irreparabel angesehen werden. Später sollten die Spreizer und anderen Geräte sowie ein Teil der Schutzkleidung am Standort mit Dampfstrahler, Kaltreiniger und ähnlichem gereinigt werden.

Die Autobahn selber ließ sich trotz der eingetroffenen Spezialfirma nicht reinigen. Selbst Dampfstrahler konnten hier nichts ausrichten. Auch der Einsatz von Chemikalien brachte nichts. Das Silikonöl war bereits zu tief in die Fahrbahn eingedrungen, so dass diese am Folgetag teilweise abgetragen werden musste.

Um 21.00 Uhr verließen alle Einheiten außer dem LF 16 von Feucht und einigen Fahrzeugen der BF Nürnberg und der FF Altdorf die Einsatzstelle. Die verbliebenen Einheiten sicherten die restlichen Aufräumungsarbeiten. Für Altdorf endete der Einsatz um 21.15 Uhr, Feucht blieb noch bis 2.30 Uhr an der Einsatzstelle.

Eingesetztes Personal:
Kreisbrandinspektion: KBR Pawelke, KBI Pöllot, KBM Lachmann und KBM Kölbl
FF Feucht
FF Schwarzenbruck
FF Altdorf
FF Moosbach
BF Nürnberg
Polizei
Rettungsdienst
Notfallseelsorger
Dolmetscherin

Eine Aufzählung aller eingesetzten Geräte, allen Materials und aller Fahrzeuge würde den Rahmen sprengen, alleine die BF Nürnberg war zeitweise mit 23 Fahrzeugen an der Einsatzstelle, darunter der ELW 3 sowie zwei Kranwägen.

 
Bericht/Fotos: KBM Peter Kölbl
Mitautoren: Elmar Wild (FF Feucht),
Dr. Ralf Schabik (FF Altdorf)


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